Riesiges Potenzial: Games in Afrika, IGM-Serie Teil 1

Wenn von Boom-Regionen für Games die Rede ist, geht es häufig um Asien. Doch auch Afrika ist ein Kontinent auf dem Sprung – sowohl bei der Spieleentwicklung wie auch beim Spielekonsum. In einer zweiteiligen Serie stellen wir die wichtigsten Player, Initiativen und Wachstumsmärkte vor.
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Wenn Eyram Tawia über Afrikas Games-Zukunft spricht, gerät er ins Schwärmen: "Es ist der nächste große Absatzmarkt für Spiele. Mehr als eine Milliarde Menschen, die noch keine Games konsumieren, stellen ein großes Potenzial dar. Afrika ist eine leere Leinwand, es wird die Games-Industrie in vielerlei Hinsicht beeinflussen." Tawia ist Vorsitzender der African Game Developers Association (AGDA), die im November 2020 gegründet wurde. Als Mitgründer und CEO von Leti Arts zählt Tawia außerdem zu den erfahrensten Playern der afrikanischen Games-Branche: 2009 eröffnete er das Studio in der ghanaischen Hauptstadt Accra, mittlerweile hat es auch eine Dependance in Nairobi/Kenia. "Wir führen die nächste Welle der reichen afrikanischen Erzähltradition an", sagt Tawia. "Unsere Vision ist, eine neue Generation von einzigartig afrikanischem Content zu gestalten – durch fesselnde Comics und Games, die den größten Legenden des Kontinents huldigen."

Afrika ist die einzige Weltregion, in der die Bevölkerung jünger wird

Gute Geschichten
Wichtigstes Franchise von Leti Arts ist der Titel Africa's Legends: Ein Mobile Game ist bereits verfügbar, bald soll das Kampfspiel auch auf anderen Plattformen erscheinen – und von den passenden Comics flankiert werden, in denen Leti Arts einzelne Heldengeschichten erzählt. Zudem entwickelt das Studio Lernspiele und -Apps – und kooperiert dabei mit NGOs, Regierungsorganisationen und Firmen. "Unsere Mission ist, einem weltweiten Publikum ein authentisches Afrika zu vermitteln", betont Tawia. Als AGDA-Vorsitzender will er dazu beitragen, dass das afrikanische Ökosystem für EntwicklerInnen wächst.

Auch Vic Bassey will Afrikas Games-Branche voranbringen. Im Hauptberuf ist Bassey als Business Development Manager für den schwedischen Indie-Publisher Raw Fury tätig. Seit 2019 betreibt er außerdem die Website Games Industry Africa (GIA) – und hat sie zur ersten Anlaufstelle für News, Reportagen und Porträts aus der afrikanischen Games-Branche ausgebaut. Vor rund einem Jahr veröffentlichte Bassey dort einen Artikel, der die wichtigsten Trends und Entwicklungen zusammenfasst. Das war, bevor Corona zum weltweit bestimmenden Faktor wurde – doch die Grundaussagen des Artikels besitzen nach wie vor Gültigkeit.

Bassey kritisiert zunächst, dass die globalen Analysen der großen Spiele-Marktforschungsunternehmen zwar jede Menge Daten enthalten – dass sie jedoch kaum Einblicke in die afrikanischen Märkte bieten. Der Mangel an regionalen Daten ist aus Basseys Sicht problematisch – schließlich lassen sich potenzielle Investoren vor allem durch Zahlen und Erfolgsgeschichten locken. Gamesindustryafrica.com soll deshalb auch eine Plattform für solche Marktanalysen werden. Dem Kontinent sagt Bassey jedenfalls eine große Gaming-Zukunft voraus: "Afrika ist die einzige Weltregion, in der die Bevölkerung jünger wird. Bis zum Jahr 2050 wird Afrikas junge Bevölkerung – also Menschen zwischen 0 und 24 Jahren – um rund 50 Prozent zugenommen haben." Mit den nötigen Investitionen im Bildungssektor ließe sich vor Ort einiges bewegen, so der Experte. Firmen wie Andela und Gebeya hätten sich einen Namen bei der Ausbildung der nächsten Generation von Software-EntwicklerInnen auf  dem Kontinent gemacht, die stärkere Ausrichtung der Lehrangebote auf die Spieleentwicklung sei da ein logischer nächster Schritt.

Hub-Wachstum
Eine mitentscheidende Rolle spielen dabei laut Bassey regionale und lokale Ausbildungszentren. "In den letzten Jahren ist die Zahl der Tech-Inkubatoren und der Hubs auf dem Kontinent kontinuierlich gewachsen", schreibt er. Heute gebe es afrikaweit rund 100 wichtige Tech-Hubs, die tausenden TüftlerInnen eine Anlaufstelle böten. Als Beispiele nennt Bassey Tech-Hubs wie MEST (Ghana), ActivSpaces (Kamerun), iHub und NaiLab (Kenia), Co-Creation Hub (Nigeria), BongoHive (Sambia) und iceaddis (Äthiopien). Noch seien die regionalen Games-Branchen recht unterschiedlich weit gediehen, konstatiert Bassey: "Südafrika und – bis zu einem gewissen Grad auch Nordafrika – sind stärker entwickelte Regionen, während Subsahara-Afrika hinterherhinkt – aber in halsbrecherischem Tempo aufholt."

Der unterschiedliche Entwicklungsgrad hat mit den lokalen Games-Kulturen zu tun. Blicken wir deshalb kurz auf die Geschichte der afrikanischen-Spieleindustrie zurück. Südafrika gehört zu ihren Vorreitern: Dort entstanden in den Neunzigern die ersten Spielestudios des Kontinents. Das erste Spielestudio des Landes – Celestial Games – wurde 1994 in Johannesburg gegründet. Kurz darauf veröffentlichte es auch schon sein erstes Spiel, den Action-Platformer Toxic Bunny. Wohl auch mit Blick auf diesen "Leuchtturm" wagten sich in der Folgezeit weitere UnternehmerInnen an Firmengründungen. Zu den erfolgreichsten südafrikanischen Game-Studios zählt mittlerweile Free Lives, das 2012 in Kapstadt gegründet wurde: Es machte sich mit Indie-Hits wie Broforce, Gorn und Genital Jousting einen Namen – und hat mit Devolver Digital auch einen namhaften Publisher. International erfolgreich ist auch das Johannesburger Studio Nyamakop, dessen Puzzle-Platformer Semblance (2018) von zahlreichen Fachmedien gelobt wurde. Die südafrikanische Games-Branche profitierte von den vergleichsweise guten Internet-Infrastruktur des Landes – und von seinen engen wirtschaftlichen Beziehungen zum Westen.

Impuls für Nordafrika
Auch in Nordafrika entstand in den Neunzigern eine Games-Branche. Wichtiger Katalysator war Ubisoft, das 1998 in Marokko sein Studio Ubisoft Casablanca eröffnete. Dort wurden mehrere Titel mitproduziert, unter anderem das N64-Game Donald Duck: Goin' Quackers (2000) sowie Prince of Persia: Warrior Within (2004). 2007 gab Ubisoft bekannt, man werde das Studio – mit staatlichen Zuschüssen – um 150 MitarbeiterInnen erweitern. Und nicht nur das: Zwischen 2008 und 2010 betrieb der Publisher einen Campus, auf dem 300 Fachkräfte ausgebildet werden sollten. Ubisoft Casablanca beschäftigte zeitweilig ein rund 50-köpfiges Team, wurde dann aber im Jahr 2016 geschlossen. Begründung: Man müsse auf die internationalen Marktveränderungen reagieren. Für die nordafrikanische Games-Branche war die Schließung aber nicht nur von Nachteil. Viele frühere Team-Mitglieder gründeten eigene Studios, zum Beispiel The Wall Games, Rym Games und Palm Grove Software: Ein gutes Beispiel, wie das Engagement eines großen Publishers eine ganze Region beeinflusst.

 

Das war das Höchste, was wir in der Industrie bisher hatten

 

Seit der Jahrtausendwende hat die Games-Branche weltweit zahlreiche Umwälzungen erlebt – von der Blockbuster-Dominanz  über den Aufstieg der Indies bis zur zunehmend digitalen Distribution. Auch die afrikanische Games-Branche wird von diesen Entwicklungen geprägt: Ehrgeizige Großprojekte für einzelne Plattformen sind seltener geworden, dafür wittern Indie-Studios mit Multiplattform-Projekten ihre Chance. Allerdings, so Bassey, treffen afrikanische EntwicklerInnen bei der Monetarisierung ihrer Games noch immer auf hohe Hürden: "Ihnen fehlt ein zentraler Verkaufsort, der die Perspektive afrikanischer UrheberInnen und SpielerInnen priorisiert und wertschätzt. Die Schwankungen bei einheimischen Währungen können es SpielerInnen schwer machen, zuverlässig erschwingliche Angebote in großen internationalen Stores zu finden." Regionale Spieleplattformen könnten die Nachfrage nach "afrikanischen" Inhalten besser bedienen, sagt Bassey – und nennt zwei Erfolgsbeispiele (Bonako Games Arena, Masseka Game Studio).

Eyram Tawia berichtet, dass afrikanische Studios vor allem in Richtung Mobile Games tendieren – dass es aber auch Firmen gibt, die sich zunehmend auf Konsolenspiele konzentrieren. Neben den Schwergewichten Süd- und Nordafrika sieht Tawia besonders die Subsahara-Länder Kenia, Ghana, Nigeria, Senegal, Elfenbeinküste und Äthiopien auf dem Sprung. Die größten Herausforderungen für die afrikanische Games-Industrie seien der Mangel an gut ausgebildeten Fachkräften, die fragmentierten Märkte, die vielerorts vorherrschende Sicht, dass Games nicht mehr als ein Zeitvertreib sind – und vor allem auch der Mangel an finanzieller Unterstützung. "Ein Investor hat rund 4 Millionen US-Dollar in den Publisher Carry1st investiert", berichtet Tawia. "Das war das Höchste, was wir in der Industrie bisher hatten." Vic Bassey sieht ebenfalls Schwierigkeiten, Investments an Land zu ziehen. "Das ändert sich jedoch, seit eine große Menge Tech-Risikokapitalgeber das Potenzial des Ökosystems ausloten", schreibt er. "Jetzt, wo die Industrie Fahrt aufnimmt, wird auch die Aufmerksamkeit von VCs und Investoren weiter zunehmen – und damit auch die Investitionen in die Games-Industrie."

eSports und Indie-Games
Eine der Firmen, die Afrikas Games-Branche voranbringen, ist LudiqueWorks aus Kenia. Der mit etlichen Preisen ausgezeichnete Publisher wurde 2018 in Nairobi gegründet – er fördert Indie-Entwickler und -Studios in ganz Afrika. "Uns gibt es, weil wir Spiele-Entwickler auf dem Kontinent beim Marketing, bei der Distribution, bei der Monetarisierung und bei der Internationalisierung ihrer Games unterstützen", berichtet Mitgründer und CEO Douglas Ogeto. LudiqueWorks arbeitet plattformunabhängig – mit Mobile-, PC- und Konsolenspielen. "Eine große Fehlannahme ist, dass es auf dem Kontinent keine guten EntwicklerInnen gibt", sagt Ogeto. "Wir haben Studios, die Auftragsarbeiten für Spielestudios in Europa erledigen." Auch in Sachen eSports ist LudiqueWorks ein Pionier: Die Firma zählt zu den Gründungsmitgliedern des Africa Esports Championship, Afrikas führender eSports-Liga, die in mehr als 24 Ländern präsent ist. "Wir sind stolz darauf, die ersten auf dem Kontinent zu sein, die eSports-Content erschaffen haben, der über einen kenianischen, frei empfangbaren Fernsehsender ausgestrahlt wurde", freut sich Ogeto. "Den Content haben wir zusammen mit unserem Partner What's Good Studios produziert."

Afrika sei bereit, die next frontier für die Spieleentwicklung zu werden, sagt Ogeto. "Um das zu zu erreichen, braucht es günstige Datentarife, Zugang zu Smartphones und jede Menge Content." LudiqueWorks trägt dazu bei, genau diesen Content zu schaffen – und damit ein riesiges Publikum zu erschließen. (Achim Fehrenbach)

In Teil 2 unseres Afrika-Specials (IGM 04/2021) stellen wir einige der wichtigsten Netzwerke und Studios vor. Außerdem wird es darum gehen, wie afrikanische EntwickerInnen die kulturellen Einflüsse des Kontinents in ihre Spiele integrieren.

IGM 03/21
Ob seitens des Publishers, der Investoren, der Fans oder der Presse: Spiele­entwickler sind konstantem Druck und oft schwierigen Arbeitsbedin­gungen ausgesetzt…
Interview mit Christian Denk, Gründer der Agentur Denkee und Strategic Territory Lead Germany bei Senior eSports
Er war schon Chefredakteur eines Spielemagazins und Games-Manager bei Amazon: Seit 2016 ist Jan Bismaier Publishing Director bei THQ Nordic.