Wie Games-Firmen Bluesky und andere X-Alternativen nutzen

AusgeiXt? Seit Twitter Elon Musk gehört und X heißt, haben viele User der Plattform den Rücken gekehrt. Auch in der Games-Branche ist der Exodus spürbar: Immer mehr Firmen und Medien legen ihre X-Accounts still, um auf anderen Microblogging-Platt­formen weiterzumachen. Speziell Bluesky und Threads haben in letzter Zeit viele User hinzugewonnen. Doch wie präsent sind Spielefirmen dort tatsächlich? Und wie unter­scheiden sich Bluesky und Co. bei der Nutzung von X? Darüber haben wir mit Branchenangehörigen gesprochen.
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PlayStation und Xbox sind schon da. Blizzard und Bethesda ebenfalls. Und auch Firmen wie Rockstar Games, Ubisoft, Sega, Square Enix und Bandai Namco Entertainment tummeln sich bereits auf der Microblogging-Plattform Bluesky. Noch kein offizielles Konto haben indes Nintendo, EA, Tencent, Epic Games – und eine ganze Reihe weiterer Spielefirmen. Was die Follower-Zahlen betrifft, können die Bluesky-Konten der großen Publisher noch nicht wirklich mit ihren X-Pendants mithalten: So hat der offizielle PlayStation-Account auf X immerhin 42,9 Millionen Follower – auf Bluesky hingegen sind es nur 92.000. Ähnlich klar ist das Größenverhältnis bei Bethesda: Auf X folgen dem Publisher rund 2,4 Millionen User, auf Bluesky hingegen nur 5000. Das klingt nicht gerade nach einer echten Alternative. Sondern eher nach: „Kann man, muss man aber nicht.“

Die Nutzungsdynamik der beiden Plattformen zeigt jedoch einen spannenden Trend. Schätzungen zufolge ist die Zahl der Monthly Active Users von X im Frühjahr 2025 auf unter 600 Millionen gesunken. Threads hat mittlerweile – auch wegen der Verknüpfung mit bestehenden Instagram-Accounts – über 300 Millionen MAUs. Bluesky ist vergleichsweise klein, entwickelt sich aber dynamisch,  speziell seit der US-Wahl im November, nach der etliche User X verließen. Für Bluesky liegen uns zwar „nur“ die Zahlen registrierter NutzerInnen vor – doch die sind durchaus beeindruckend: Hatte die Plattform im November noch rund 20 Millionen User, so sind es im März dieses Jahres bereits über 30 Millionen. Ob das so weitergeht, lässt sich nur schwer beurteilen, zumindest aber fehlt es dem Plattform-Betreiber – der Bluesky Social Public Benefit Corporation – nicht an Selbstbewusstsein. Im November etwa stichelte Bluesky-CEO Jay Graber in einem CNBC-Interview gegen X: Im Gegensatz zu Musks Plattform sei ihr Unternehmen vom Aufbau her „billionaire proof“. „Sollte jemand Bluesky kaufen oder sollte Bluesky als Firma untergehen, dann ist alles Open Source“, erläuterte Graber. „Was mit Twitter passiert ist, könnte uns nicht auf die gleiche Weise passieren, weil man immer die Möglichkeit hätte, sofort zu wechseln, ohne neu anfangen zu müssen.“ Will heißen: Die Bluesky-Konten lassen sich leicht umziehen; selbst ein Exodus würde nicht bedeuten, dass man sein Konto löschen müsste – und dabei seine mühsam gesammelten Follower verlöre.

 

Bluesky scheint der Hauptnutznießer der Wanderungsbewegung zu sein

 

Blaues Wunder
Wie aber entwickelt sich das Nutzungsverhalten der Games-Branche weiter? Was bieten Bluesky, Threads und Co. den Branchenangehörigen, die von Musks politischer Haltung (und seinen sonstigen Eskapaden) nachhaltig vergrault wurden? Welche Akteure sind auf den „neuen“ Plattformen besonders aktiv – und wie vernetzen sie sich untereinander? Dass Bluesky vom X-odus profitiert, ist aktuell ziemlich deutlich erkennbar. „Bluesky scheint der Hauptnutznießer der Wanderungsbewegung zu sein, die ich beobachtet habe“, sagt Thomas Bidaux, CEO der Agentur ICO Partners. „Threads folgt dahinter und profitiert hauptsächlich von der Brücke zu Instagram. Sehr interessant ist auch, dass neue Studios oder neue Games direkt auf Bluesky starten und – im Vergleich zu neu eingerichteten Konten auf Twitter – viel besser abschneiden.“ Das dezentrale Netzwerk Mastodon hingegen sei deutlich weniger zugänglich als Bluesky und Threads – und damit auch deutlich weniger beliebt.

Bidaux hat einen Leitfaden für Bluesky verfasst: Dieser enthält eine Fülle wertvoller Tipps und ist unter „Bluesky Guide to the Video Game Industry“ zu finden. Laut Bidaux sind Twitter und Threads – von ihren Algorithmen her – besser auf die Ziele von Games-Firmen ausgerichtet als X. „Sie verschlechtern beispielsweise nicht die Sichtbarkeit von Beiträgen, die einen Link enthalten – das ist ein wichtiger Teil der Kommunikation über Games auf Steam“, sagt er. Auch das Engagement sei auf diesen Plattformen üblicherweise besser als auf X, berichtet der Agenturchef: „Sie kombinieren einen höheren Anteil stark engagierter User – also von Early Adopters –, eine geringere Message-to-Noise-Ratio und eine allgemeinen Begeisterung für einen neuen ‚Spielplatz‘.“

Regionale Unterschiede
Doch wer sind nun die Spielefirmen, die Bluesky so begeistert nutzen? Bidaux hat hier vor allem Indie-Studios als Trendsetter ausgemacht – dagegen seien die meisten E-Sport-Organisationen weiterhin fest in X verwurzelt. „Was Regionen anbelangt, ist Japan auf Bluesky überraschend aktiv, ebenso wie die französische Games-Industrie“, berichtet der Experte. „Ansonsten haben sich auch in UK und in den USA viele Firmen und Fachleute für Bluesky entschieden.“ Deutschland sei auf Bluesky ebenfalls stark vertreten, berichtet Bidaux: In puncto User-Zahlen sei es das viertgrößte Land hinter den USA, Japan und Brasilien. „Die deutsche Games-Branche scheint [bei Bluesky] auf Augenhöhe mit Frankreich und UK zu sein“, so der PR- und Marketing-Experte. „Das konnte ich aus den Starter Packs ersehen, die zusammengestellt wurden, um die Entdeckung lokaler Industrieprofile zu erleichtern.“ Besonderes Lob hat Bidaux übrigens für die Förderinitiative Gamecity Hamburg parat: Diese sei schon früh auf Bluesky aktiv geworden und habe bald ein Starter Pack erstellt, um die Accounts der lokalen Firmen zu fördern.

Gamecity Hamburg betreibt exakt seit dem 7. November 2023 einen Bluesky-Account. Seit dem 24. Oktober 2024 hat die Förderinitiative ein zusätzliches Konto, auf dem sie über die „Portside Game Assembly“ informiert, ihre neue B2B-Konferenz für Indie-Studios. „Seit Februar 2025 nutzen wir X nicht mehr, nach insgesamt 13 Jahren“, berichtet Anna Jäger, PR-Managerin bei Gamecity Hamburg. „Wir hatten bis zu dem Zeitpunkt unsere Aktivitäten auf beiden Plattformen parallel geteilt.“ Auf Bluesky präsentierte die Förderinitiative nun alle Infos rund um ihre Förderprogramme, Events und Kooperationen; zudem tausche man sich rege mit anderen Teilnehmenden aus. „Bluesky bietet die Funktionen, die wir zuvor auch bei X genutzt haben“, sagt Jäger. „Vorteile liegen auch darin, dass der Großteil der Games-Branche sich aktiv auf Plattformen unterhalten und austauschen möchte, die vor allem einen respektvollen Umgang bieten.“ Auf X habe Gamecity Hamburg zwar eine große Reichweite gehabt. „Allerdings haben wir in den letzten Monaten keine gute Basis mehr für einen respektvollen und demokratischen Austausch gesehen.“

 

Die Funktionen, die wir zuvor auch bei X genutzt haben

 

Parallel aktiv
Jäger sagt, ein Großteil der Hamburger Spielefirmen, Solo-Devs und JournalistInnen sei nun mindestens parallel auf beiden Plattformen aktiv. Einige von ihnen seien auch vollständig zu Bluesky umgezogen. In das „Hamburg Game Devs Starter Pack“ hätten sich bereits mehr also 40 Akteure eingetragen, berichtet Jäger. „Seit Ende letzten Jahres haben wir zudem einen starken Anstieg der Hamburger Teams beziehungsweise Studios auf Bluesky gesehen, auch im Zusammenhang mit der Entwicklung von X sowie der politischen Lage und Änderungen an der Plattform.“ Für Gamecity Hamburg ist Bluesky bereits so etwas wie ein neues Microblogging-Zuhause geworden – aber wie sieht es mit Threads, Mastodon und Co. aus? „Wir beobachten die weiteren Alternativ-Plattformen, aber nutzen diese nicht aktiv“, sagt Jäger. Letztendlich sei für Gamecity Hamburg entscheidend, wo es am besten seine Zielgruppen erreichen könne – und wo ein respektvoller Umgang miteinander herrsche. „Wir prüfen genau, ob unsere bestehenden Kanäle dafür bereits ausreichen.“

Ähnlich wie Thomas Bidaux hat auch Robby Bisschop einen Guide für Bluesky verfasst. „Es ist schwer zu beziffern – aber ich schätze, dass etwa 80 Prozent der Leute, mit denen ich in der Games-Branche verbunden bin, dort zumindest ein Konto eingerichtet haben“, sagt Bisschop, der als Community & PR Manager für die Agentur Pirate PR arbeitet. Die meisten seiner Kontakte würden Bluesky inzwischen aktiv nutzen – und viele von ihnen hätten ihren X-Account sogar komplett gelöscht, „meist aus politischen Gründen“. Natürlich sei X immer die wichtigste Plattform für das Entdecken neuer Games gewesen, so Bisschop. Mit „Entdecken“ meint er nicht primär die Sichtbarkeit gegenüber Consumern – sondern eher die Tatsache, dass Medien und Publisher auf X sehr schnell auf Spiele aufmerksam wurden. „Was Twitter jedoch auszeichnete und wo andere B2B-Plattformen wie LinkedIn versagten, war die Tatsache, dass es auch von der Zielgruppe durchstöbert wurde“, sagt Bisschop. „Jeder Post hatte zumindest das Potenzial, viral zu gehen, weil es so einfach war, ihn durch einen Retweet mit dem eigenen Netzwerk zu teilen.“

Reger Austausch
Was Entwickler betrifft, hat Bluesky laut Bisschop bereits „eine kritische Masse erreicht“. Das virale Potenzial sei zwar noch nicht so groß wie bei X – doch dafür sei der Austausch der Devs auf Bluesky sehr rege und engagiert. Threads wiederum nutzt Bisschop nicht aktiv, andere Plattformen wie Mastodon und Hive hält er für bereits gescheitert. „Es sind nicht genügend Entwickler dorthin gezogen, um es zu einer würdigen Alternative zu machen“, so der Experte. Threads habe durchaus das Potenzial, beim Games-Publikum eine ähnliche Reichweite zu erzielen wie X. „Aber es gibt dort keine solch regen Diskussionen zwischen Entwicklern oder zwischen anderen Branchenangehörigen“, schränkt Bisschop ein. Bluesky sei dafür aktuell die besser geeignete Plattform, sagt er – und verweist auch darauf, dass es dort kein solch ausuferndes Bot-Problem gebe wie auf X. „Was ich persönlich am meisten vermisse, ist eine kritische Masse an SpielerInnen“, so Bisschop. “Genügend SpielerInnen, die dein Game dort entdecken und ihm das gleiche virale Potenzial verleihen. Aber mit jedem Monat, der vergeht, scheinen wir diesem Zustand näher zu kommen.“

 

Die wichtigste Plattform für das Entdecken neuer Games

 
Auch Indie-Berater André Bernhardt kann gut nachvollziehen, dass immer mehr Spielefirmen X verlassen. Er zählt die gröbsten Mängel der Plattform auf, nämlich „ein unklarer Algorithmus, Bot-Issues, Musks politische Ansichten, Shitstorms und so weiter“. Für Bernhardt war Twitter lange „das einfachste und zugleich kostenneutrale Mittel, um Reichweite zu erzielen und Präsenz zu zeigen“. Da Indies ohne Publisher sich selbst um Marketing und Community-Ausbau kümmern müssten, sei ein B2B- und B2C-Medienkanal wie Twitter sehr praktisch. „Je reaktionärer sich X aber verhält, desto eher wandern weltoffene Indies ab“, konstatiert Bernhardt. „Oder sie legen zumindest Zweit-Accounts auf Plattformen außerhalb von X an.“

Zunehmende Fragmentierung
Bernhardt beobachtet die aktuelle Entwicklung der Plattformen mit Skepsis. „Leider tritt jetzt genau das Problem auf, das Twitter anfangs lösen – oder zumindest vereinfachen – konnte: die Fragmentierung der Plattformen“, sagt er. „Die Zielgruppe teilt sich jetzt wieder auf drei Plattformen auf, die alle betreut werden wollen und sollten.“ Wirklich nützlich seien die X-Alternativen erst dann, wenn sie genügend User zeitgleich anlockten. „Bluesky und Mastodon bekommen ab und an einen Push, aber gefühlt kehren viele dann doch wieder zurück zu X, wenn das Engagement auf den neuen Plattformen abebbt oder ausbleibt“, beobachtet Bernhardt. Mastodon und das Fediverse empfindet er grundsätzlich als gute Alternative, weil sie Open Source seien. Allerdings sei das Handling von Mastodon „nicht ganz einfach“ – und damit auch nicht niedrigschwellig nutzbar. „Bluesky ist potenziell empfänglich für Enshittification“, sagt Bernhardt. „Und wie bei Threads ist mir hier der Datenschutz auch nicht ganz klar.“ X werde für viele User auch weiterhin der kleinste gemeinsame Nenner sein – zumal ja auch noch viele öffentliche Player wie Regierungen und NGOs dort aktiv seien.

Fazit: Die nächsten Monate dürften zeigen, ob speziell Bluesky seinen Aufschwung fortsetzen kann. Mit jeder neuen Musk-Eskapade wird der X-odus neuen Nachschub erhalten – und damit mittelbar die anderen Plattformen stärken. Bei Branchen-Akteuren haben Bluesky und Co. bereits eine kritische Masse erreicht. Bei Spielefans gilt es allerdings noch einiges aufzuholen. (Achim Fehrenbach)

IGM 04/25
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