Gina Vörde: Eine Spiele­entwicklerin erzählt ihre Geschichte

Nach sieben Jahren ist es für Gina Vörde plötzlich vorbei. 2025 wird sie über ihre Entlassung informiert, wenig später ist sie ihren bisherigen Job los. Bis dahin war sie beim Bremer Spieleentwickler King Art Games als Artist für 2D, 3D und Konzeptgrafiken angestellt, arbeitete zuletzt am Lizenztitel Dawn of War 4. Jetzt ist sie in Deutschlands kleinstem Stadtstaat gestrandet, in den sie überhaupt nur wegen des Jobs gezogen ist, für den sie ihre Familie verlassen hat.
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Gina Vörde

Die Welt des selbsterklärten Workaholics bricht scheinbar zusammen. „Ich wollte immer auf der Arbeit sein und mit den Leuten abhängen, mit denen man so viele Interessen und Hobbys teilt“, sagt sie. „Mir ist dann erst so richtig aufgefallen, dass ich außerhalb der Firma fast niemanden kannte und nach und nach sind die Kontakte dann abgebrochen. Die Isolation war niederschmetternd. Aber ich hatte so viele Projekte, dass ich einfach komplett darin aufgehen konnte“. 

Gina Vörde ist kein Einzelfall. 2025 waren die Beschäftigungszahlen der Branche in Deutschland erstmals rückläufig. Trotz wachsender Umsätze schrumpft die Industrie weltweit. Vördes Geschichte ist eine von vielen, für diesen Artikel hätte es hunderte ProtagonistInnen gegeben. Jede davon ist es wert gehört zu werden, denn hinter jeder Schlagzeile über Massenentlassungen und Studioschließungen stehen menschliche Schicksale. Also treffen wir Vörde in einem Café in Bremen und lassen sie ihre Geschichte erzählen.

 

Die Isolation war niederschmetternd

 

Allein King Art Games entlässt 2025 zusammen mit Vörde neun weitere ihrer KollegInnen. Anders als bei größeren Unternehmen wie InnoGames findet der Stellenabbau in Branchenmedien jedoch keine Erwähnung, obwohl King Art Games unter den kleinen Firmen der deutschen Gamesindustrie noch zu den größeren Arbeitgebern zählt. 2024 hatte King Art Games 106 Mitarbeitende, heute sind es mit rund 110 sogar etwas mehr, teilt uns das Unternehmen mit. „Es war das erste und bleibt hoffentlich das einzige Mal, dass wir Mitarbeiter in der Größenordnung entlassen mussten“, schreibt uns Geschäftsführer Jan Theysen per E-Mail. King Arts Ziel sei es, „mit Leuten langfristig zusammenzuarbeiten und sie über Jahre aufzubauen“.

Was in den Beschäftigtenzahlen nur ein kleines auf und ab war, stellt Vörde vor ein großes Problem. Anders als in Hamburg oder Berlin gibt es in Bremen keine aktive Spieleentwicklungsszene. Es gibt kein benachbartes Studio, das die Betroffenen schnell auffangen kann. King Art Games „ist im Grunde die einzigen größere Studio hier“, sagt Vörde. Remote-Jobs sind eine Seltenheit, immer mehr Firmen rufen ihre Beschäftigten zurück ins Büro – ungeachtet von Studien, die in hybriden Arbeitsformen die produktivere Lösung sehen. Entsprechend schwierig gestaltet sich die Jobsuche, auf der gerade viele in der Gamesbranche sind. „Als Arbeitgeber kannst du BewerberInnen durch alle möglichen Reifen springen lassen“, sagt sie. „Nach dem vierten unbezahlten Testarbeiten habe ich gesagt, dass ich das nicht mehr mache – dann kriegst du halt direkt eine Absage“. Eine solche Arbeitsprobe beansprucht schon einmal mehrere Arbeitstage. „Da habe ich mich schon gefragt, wozu ich mein Portfolio mitgeschickt habe“.

 

BewerberInnen durch alle möglichen Reifen springen lassen

 

Vörde weiß sich in der Zeit nach der Entlassung dennoch zu beschäftigen. In Twitch-Streams demonstriert sie ihre Arbeit einem kleinen, aber treuen Publikum. Sie verteilt Gacha-Bälle mit 3D-gedruckten Spielfiguren auf der Gamescom. Mittlerweile verdient sie ihren Lebensunterhalt als Freelancerin, auch wenn sie das nie wollte. „Ich weiß: wenn ich mich selbst organisieren muss, dann höre ich nie auf zu arbeiten“.

Ihr Portfolio kann sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht mit ihrer jüngsten Arbeit füllen, die Entwicklung des Warhammer-Spiels Dawn of War 4 steht noch unter NDA. Das vom Bund mit 2,6 Millionen Euro geförderte Projekt zum Tabletopspiel trägt damals noch den Arbeitstitel „Tischplatte“. Die Arbeit an der Marke „war total mega“. Sie spielt selbst das Miniaturenspiel Mordheim. „Mein Partner und ich haben metergroße Platten gebaut“, erzählt sie, „ich habe mir die Skaven rausgesucht“, eine Fraktion aus Rattenmenschen, „wir haben da echt viel Arbeit reingesteckt“. Vördes Leidenschaft ist unüberhörbar. „Und dann wirst du rausgeworfen“.

 

Und dann wirst du rausgeworfen

 

Von Sonic zu Warhammer
Vördes private und berufliche Leidenschaft überschneidet sich schon früher. „Angefangen hat alles mit Sonic the Hedgehog“ auf einem Gamecube vom Flohmarkt. „Das hat mein ganzes Leben verändert. Es hat mich so gehookt, weil es so stylisch war. Sonics coole Attitüde und die Mucke, die höre ich heute noch jeden Tag. Ich habe angefangen, die Charaktere zu malen und damit nicht mehr aufgehört“.

Sie wollte damals Comiczeichnerin werden, „meine Mutter wollte für mich einen normalen Bürojob“, sagt Vörde. Bei einem von vielen Praktika „in so einem Grafikdesignbüro“ spürt Vörde „zum ersten Mal, wie mein Gehirn abschaltet, wenn ich etwas machen muss, was nicht kreativ ist“. In der Mittagspause schaltet sich ihr Gehirn wieder ein, beim Hochladen eigener und Kommentieren anderer Sonic-Fanart auf der (mittlerweile von KI gefluteten) Webseite Deviantart. „Eine Grafikerin hat mir über die Schulter geguckt und das war das erste Mal, dass ich Zuspruch bekommen habe“.

„In den Augen meiner Eltern bot meine kreative Seite keine Berufsperspektive“, sagt sie, „das war halt kein Beruf“. Ausgerechnet das ungeliebte Praktikum mit ausgeschaltetem Gehirn ändert das: Die Kollegin erzählte vom Werdegang einer Bekanntschaft, die damals bei Daedalic gearbeitet hatte. „Von da an waren die nächsten Jahre meines Lebens eigentlich zu Ende geplant“, sagt Vörde, die damals noch in Dortmund lebt. Es folgt: Die schulische Ausbildung zum Gestaltungstechnischen Assistenten, Studium in Münster, ehrenamtliche Arbeit auf Games-Konferenzen von Köln bis Zürich, Bachelorarbeit bei Mimimi Games in München, die damals gerade Desperados 3 entwickeln. „Die habe ich bei der Indie Arena auf der Gamescom kennengelernt“.

Das Netzwerken zahlt sich auch weiter aus. Übernehmen kann das mittlerweile selbst geschlossene Studio Mimimi sie nicht. Über den persönlichen Kontakt vermittelt man ihr aber eine Stelle bei King Art Games in Bremen, am anderen Ende Deutschlands. Bei der Wahl zwischen 75 Minuten Flug und fünfeinhalb Stunden mit der Bahn wählt Vörde zum Vorstellungsgespräch das Flugzeug. „Ich ziehe bis ans Ende der Welt für einen geilen Job mit geilen Leuten“, sagt sie, einmal wäre sie fast nach Barcelona ausgewandert, „aber man muss es immer auch mit seinem Herzen abgleichen: Ist es in Ordnung, dass ich meine Eltern nur einmal im Jahr zu Weihnachten sehe?“

Netzwerk als Sicherheitsnetz
Vördes Netzwerk brachte sie nach München und Bremen, und es fängt sie auch auf, als der Rückhalt vom ehemaligen Arbeitgeber plötzlich wegfällt. Sie besucht noch mehr Konferenzen als während ihrer Festanstellung, dreimal so viel schätzt sie. „Das ist wieder so dieser Workaholic in mir, damit ich es mir auch verdient habe, sozusagen“. Zu Branchenpflichtterminen wie der Gamescom kommt nun lokales Networking dazu. „Neulich war ich bei einem Treffen des Belladonna e. V., die Gründerinnen fördern“. Dort trifft sie Frauen, „die sich jetzt auch selbstständig machen, die auch plötzlich gekündigt wurden“ und findet in Bremen eine lebendige Gründerszene, wenn auch abseits der Spieleentwicklung.

Ihr Artstation-Benutzername „Rainbow Rat“ wird zum Namen ihrer eigenen Solo-Firma. Projekte findet sie nicht nur in der Gamesbranche, sondern etwa auch im Design eines Brettspiels. „Vielleicht habe ich da einfach einen Arsch voll Glück, das habe ich irgendwie immer gehabt“, sei es der Bachelor bei Mimimi oder der Job bei King Art Games oder die momentan zumindest gute Auftragslage, sagt sie mit Erleichterung, weil „Games lassen mich nicht los. Ich konnte mir nichts anderes vorstellen“.

 

Vielleicht habe ich da einfach einen Arsch voll Glück

 

„Da gerade alles so unsicher ist, kann auch alles in jede Richtungen kippen. Es können jederzeit wieder hundert Leute gefeuert werden“, sagt Vörde, ohne zu resignieren. „Auf der anderen Seite: chaos creates opportunity. Das heißt, da wo schon wieder ein Studio zumacht, entsteht vielleicht auch eine Lücke“, für neue Projekte, neue Firmen. „Tja, dann mach ich es halt besser“, trotzt sie. So ist es sicher auch der Krise zu verdanken, dass Firmen entstehen, die es vielleicht wirklich besser machen. Studios machten einem diese Haltung zwischen Wut und Motivation einfach, „sie zwingen dich zurück ins Büro, du wirst von jetzt auf gleich rausgeworfen“, so Vörde und sagt dann: „Scheiß drauf, jetzt erst recht“. [Daniel Ziegener, www.debuff.de]

IGM 04/26
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