Markus, Flashpoint hat kürzlich eine Vertriebskooperation mit astragon Entertainment geschlossen. Da habt ihr euch einen nicht gerade kleinen Fisch an Land gezogen ...
Blumenberg: In der Tat, astragon ist ohne Zweifel ein überaus renommiertes Unternehmen und hat sich über all die Jahre besonders im Simulationsbereich einen Namen gemacht, deshalb freuen uns sehr über diese neue Partnerschaft. Den Anfang macht der Bus Simulator 27, der aber nicht der einzige starke Simulationstitel in diesem Jahr bleiben wird.
Wie hat man sich das Zustandekommen einer derartigen Kooperation vorzustellen? Gibt es da im Vorfeld eine Art Pitch?
Blumenberg: In diesem Fall war es sicherlich hilfreich, dass wir mit astragon schon im Vorfeld eine sehr lange Zusammenarbeit pflegten und man sich somit gut kannte. Neben der Geschäftsbeziehung in Deutschland distribuieren wir auch in UK bereits die astragon-Produkte und da lag es nahe, sich mal zu unterhalten. Wir konnten da zu einer schnellen Einigung kommen.
Stichwort UK: Flashpoint ist ja bekanntlich Teil von U&I Entertainment. Kannst du uns etwas über das Unternehmen erzählen? Wer ist U&I genau?
Blumenberg: U&I ist ein unabhängiges Unternehmen, das nicht nur in Europa breit aufgestellt ist, sondern auch schon lange in Amerika und inzwischen auch in Japan vertreten ist. Durch viele Jahre enger Zusammenarbeit mit dem Handel als auch mit zahlreichen namhaften Publishern, ist U&I zu einem festen Bestandteil der Branche geworden, hat sich aber bewusst immer eher im Hintergrund gehalten und die Produkte und Publisher in den Vordergrund gestellt. Durch die Zusammenarbeit mit U&I ist es uns möglich, an europäischen oder sogar weltweiten Distributionsdeals zu partizipieren, erwähnt sei hier zum Beispiel Minecraft für die PS5, um nur eines der vielen Produkte zu nennen. U&I kann dabei als Distributor oder auch als Co-Publisher auftreten, je nach Bedarf und Deal.
Sehr flache Hierarchien
Und im Tagesgeschäft reportet ihr dann nach UK?
Blumenberg: Bei U&I herrschen insgesamt sehr flache Hierarchien, natürlich gibt es auch ein konsolidiertes Reporting, einige Dinge sind aber rein deutsche Deals, teilweise nur für ausgewählte Länder innerhalb der EU oder europaweite Distributionen. Deshalb sind die Zahlen auch schwer vergleichbar und wir schauen einfach, wo und wie die jeweiligen Produkte am besten in den Markt gelangen. Durch lokale Kompetenzen in den europäischen Key-Märkten stimmen wir dann intern ab, wie die Verantwortlichkeiten bestmöglich aufgeteilt werden. Natürlich versuchen wir immer, bestimmte Themen zusammen mit UK aufzusetzen, weil es sich einfacher skalieren lässt.
Brachte der Brexit Anfang 2021 Veränderungen für euch mit sich?
Blumenberg: Gewiss. Angefangen hatte es ja mit der Idee, die DACH-Region mit uns abzudecken, der Brexit inklusive seiner Folgen brachte dann aber kurzfristig die Notwendigkeit mit sich, die Lieferkette für die Kunden innerhalb der EU schnell und einfach aufrechtzuerhalten. Dadurch wurde die EU-Expansion vorangetrieben und natürlich konnten wir unser Distributions-Know-How einbringen, da wir vor allem auch technisch gut aufgestellt sind und unseren Partnern somit Daten aus erster Hand liefern können. Mit den europäischen Kollegen stehen wir deshalb genauso in Kontakt wie hier mit den deutschen Kollegen.
Wo liegen insgesamt die Schwerpunkte des Distributors Flashpoint? Im Bereich Software oder im Bereich Merchandise und Zubehör?
Blumenberg: Die meisten Produkte kommen nach wie vor aus der Software, hier liegt unser Umsatzschwerpunkt. Wir haben durch starke Partnerschaften in den letzten Jahren einfach ein fantastisches Portfolio aufbauen können. Viele namhafte Publisher und Titel sprechen da für sich. Der Bereich Zubehör und Merchandise mag zwar vom Umsatz her kleiner sein, ist für uns jedoch auch von großer Bedeutung. Bei der Software steht und fällt viel mit den Releases, im Merchandise gibt es sicherlich auch Trendthemen, die mal besser und mal schlechter laufen, aber analog zum Zubehör kristallisiert sich immer ein Kernsortiment heraus, welches sich recht kontinuierlich über das Jahr verkauft.
Platz im Regal ist immer ein Thema
Physisches Produkt im Handel ist kein Fass ohne Boden. Wie schafft ihr es, für eure Kunden ausreichend Platz im Regal zu schaffen?
Blumenberg: Platz im Regal ist immer ein Thema, sowohl bei Software als auch bei Merchandise und Zubehör. Wir versuchen die Produkte dort zu platzieren, wo wir glauben, dass sie am besten passen, also keine Distribution nach dem Gießkannen-Prinzip. Die Retailer haben verschiedene Schwerpunkte, denen wir versuchen, bei der Day-One-Planung gerecht zu werden, und aufgrund der engen Kontakte und den Reportings müssen wir schnell reagieren, wenn etwas mal nicht so passt wie geplant. Viele Kunden haben das über die Jahre zu schätzen gelernt und haben ein hohes Vertrauen in unsere Produktplanung. Gegebenenfalls schaffen wir rechtzeitig Platz im Regal, wenn wir im Voraus wissen, was auf uns zukommt. Lifecycle-Management ist hier das Stichwort und von hoher Bedeutung für den Handel.
Wie würdest du denn euer Verhältnis zu MediaMarktSaturn, Müller & Co. beschreiben? Ist der Ton vor dem Hintergrund des Kampfes um Regalplatz rauer geworden?
Blumenberg: Ich denke, dass wir ein sehr gutes Verhältnis zu den Retailern haben. Der Ton ist nicht rauer geworden, schließlich wollen wir am Ende alle das gleiche, nämlich Produkte im Handel verkaufen. Wir müssen gemeinsam mit den Retailern an einem Strang ziehen, um gewisse Vorgaben oder Zwänge auch zu erfüllen und so das Beste aus der aktuellen Lage zu machen. Deshalb ist die Grundlage einer Kundenbeziehung aus meiner Sicht auch eine enge Partnerschaft, die keinen rauen Ton verlangt.
Wie sieht es bei den reinen Online-Händlern wie Amazon aus? Ohne Listung dürfte da nichts gehen?
Blumenberg: Korrekt, Amazon ist in fast allen europäischen Ländern der größte Kunde und dort gibt es natürlich auch keine Regalplatzthematik. In der Regel sehen wir auch, dass die Konsumenten dort als erstes ihre Preorders platzieren, welche für uns oft ein wichtiges Indiz sind, wie ein Produkt angenommen wird. Auch mit den Online-Händlern verläuft die Zusammenarbeit übrigens partnerschaftlich und ohne raue Zwischentöne.
In der Gamesbranche herrscht derzeit meiner Wahrnehmung nach in weiten Teilen ein eher negatives Grundrauschen, zahlreiche Entwickler schließen von außen ab und auch viele Publisher sind in Schieflage geraten. Wie beurteilst du die aktuelle Situation?
Blumenberg: Das nehme ich in einigen Bereichen in gewissem Maße auch wahr, auch wenn ich glaube, dass man in der Gamesbranche immer unterscheiden muss. Momentan scheint es Studios und Entwickler wieder härter zu treffen, aber auch die Schließung von GameStop in Deutschland hat Spuren im Handel hinterlassen. Es ist ein permanenter Wandel und ich glaube auch nicht, dass eine neue Konsolengeneration oder ein einzelner Release daran grundsätzlich etwas ändern wird. Dazu spielen auch viele andere Faktoren mit rein, deshalb versuchen wir aus der aktuellen Situation einfach das Optimum herauszuholen. Und wie man am Beispiel astragon sieht, gibt es auch immer wieder etwas Positives zu berichten.
Hohes Vertrauen in unsere Produktplanung
Gibt es vielleicht einfach zu viele Spiele?
Blumenberg: Das mag sein. Aber natürlich sind auch Titel dabei, die bereits digital erhältlich sind und mit einer speziellen Retailversion erst nach der digitalen Veröffentlichung rauskommen. Auch diese Editionen werden oftmals gut angenommen und hier bieten wir einen zusätzlichen Marketingansatz, um mehr Visibilität zu erreichen. Eine ideale Kombination zwischen der digitalen Welt und dem stationären Handel.
Wie beurteilst du das Preisgefüge von Spielen? Sind Games einfach zu teuer und nicht mehr erschwinglich für die Masse?
Blumenberg: Zwischen AAA und günstigeren Indie-Titeln wird die Luft dünner. Menschen, die viel Spielzeit investieren, sind dann auch oft mit entsprechenden Abomodellen besser versorgt. Auch kann man für fast jeden Geschmack und jeden Geldbeutel online Titel finden, die den jeweiligen Bedarf abdecken. Selten bleiben Neureleases heutzutage für einen längeren Zeitraum auf Launchpreisniveau. Deshalb glaube ich schon, dass Produkte noch erschwinglich sind, aber sich das Budget einfach auch auf mehrere Titel verteilt oder eben in Abomodelle investiert wird.
Noch einmal zurück zu Flashpoint selbst: Angenommen, ich wäre ein Publisher und möchte meine Produkte über euch distribuieren lassen. Was kann ich erwarten? Gibt es individuell auf mich abgestimmte Dienstleistungen in eurem Angebot? Was bietet Flashpoint, was andere nicht zu bieten haben?
Blumenberg: Neben dem reinen Grundgedanken, die Produkte im Handel verfügbar und sichtbar zu machen, haben die Publisher, die zu uns kommen, in der Regel sehr klare Erwartungen und diese können wir individuell abstimmen, um sie dann auch zu erfüllen. Die Pakete, die wir dazu schnüren, erlauben maßgeschneiderte Anpassungen zum Beispiel hinsichtlich des Marketings auf nationaler und internationaler Ebene. Auch das Kreieren von Special- und Deluxe-Editions für den Handel gehört zu unserem Portfolio. Erwähnt sei hier aktuell die Mortal-Shell-2 Revered-Edition. Damit unterstützen wir den Handel und können exklusive Retailanreize bieten. Hinzu kommt unser hoher Grad an Automatismen sowie flache Strukturen mit schnellen Antworten.
Muss ich eigentlich bestimmte Voraussetzungen erfüllen, um euch als Distributionspartner zu gewinnen?
Blumenberg: Ein gutes Produkt wäre primär hilfreich, sonst eigentlich nicht viel.
Allein ein Blick auf die IGM-Releaseliste verrät die große Anzahl eurer Kunden. Setzt ihr hier innerhalb der Zusammenarbeit Prioritäten? Nach dem Motto: Die großen Fische werden anders behandelt als die kleinen Fische?
Blumenberg: Nein. Natürlich haben einige Titel mehr Potenzial als andere, letztlich geht es da um Erwartungsmanagement. Auch kleinere Partner mit kleineren Titeln werden entsprechend behandelt, aber wenn die Titel nur „online only“ verkauft wurden, weil sie eben nicht den Sprung ins Regal schaffen, dann kommunizieren wir das auch und müssen dazu dann natürlich oft überlegen, was noch wirtschaftlich ist. Vielleicht ergibt sich dann eher die Chance, solche Titel über den Preis in einen attraktiven Backkatalog zu überführen.
Stoßt ihr aufgrund der Menge an Spielen ab und an auch an logistische Grenzen?
Blumenberg: Bereits vor einigen Jahren haben wir unser eigenes Lager aufgegeben und sind nun bei OK Logistik zu Hause, wie einige andere Branchenteilnehmer auch. Durch die dortigen Kapazitäten und die transparente Releaseplanung sehen wir keine logistischen Grenzen.
Keine logistischen Grenzen
Also gibt es noch Kapazitäten für weitere Kunden?
Blumenberg: Grundsätzlich hören wir uns erst einmal alles an. Das Gesamtpaket muss natürlich passen, und wir würden auch nicht davor zurückschrecken, uns entsprechend personell zu verstärken, wenn es erforderlich ist. Wir haben in der Vergangenheit auch schon Dinge abgelehnt, aber haben auch gerade ein bis zwei Eisen im Feuer, wie man so schön sagt. Wir werden sicherlich bald noch die eine oder andere neue Kooperation bekanntgeben können.
Abschließend: Welche Top-Highlights sind von euren Kunden in den kommenden Monaten zu erwarten? Welche Titel kannst du uns besonders ans Herz legen?
Blumenberg: Persönlich freue ich mich sehr auf Mouse P.I., unbedingt mal anschauen! Das Konami-Lineup kann auch in diesem Jahr wieder überzeugen, mit Castlevania ist auch eine IP dabei, zu der es sehr lange nichts Neues gab. Mit Control Resonant beschert uns Remedy einen weiteren AAA-Release, der bereits jetzt äußerst vielversprechend ist. Und dann sind da natürlich noch die neuen astragon-Produkte, die den einen oder anderen Kindheitstraum zumindest virtuell erfüllen werden. Ich kann versprechen: Es wird nicht langweilig werden! (Marius Hopp)