Im Kaufrausch: Der Einfluss Saudi-Arabiens auf die Gaming-Welt

Saudi-Arabien kauft und kauft: Milliardenschwere Investitionen und eine globale Expansion lassen die Gaming-Branche aufhorchen. Gleichzeitig wird die Kritik an den politischen Hintergründen und der zunehmenden Abhängigkeit vom staatlichen Kapital des Königreichs immer lauter. Ob Mobile, Triple A oder E-Sport: Saudi-Arabien hat sich innerhalb weniger Jahre zu einem der einflussreichsten Akteure in der Games-Branche entwickelt. Die Schlagzahl großer Deals ist hoch, ebenso wie die investierten Summen.
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Bild: Esports World Cup
Die Feierlichkeiten des Esports World Cup finden nicht nur in den Veranstaltungshallen selbst statt. Es gibt auch ein Festival und spektakulär inszenierte Feuerwerks- und Lichtshows
Bild: Esports World Cup

Im Herbst 2025 kündigte ein Konsortium, bestehend aus dem saudischen Staatsfonds Public Investment Fund (PIF) sowie den US-amerikanischen Investmentfirmen Affinity Partners und Silver Lake, an, den Branchenriesen Electronic Arts für rund 55 Milliarden US-Dollar von der Börse zu nehmen. Dies wäre der bislang größte Buyout der Branchengeschichte, vorausgesetzt, die Kartellbehörden geben grünes Licht. Nur wenige Monate später folgte der nächste milliardenschwere Deal: Die vom PIF finanzierte Savvy Games Group einigte sich auf die Übernahme des Mobile- und E-Sport-Giganten Moonton für rund sechs Milliarden US-Dollar.
Grundlage für diese andauernde Expansion ist die von Kronprinz Mohammed bin Salman entwickelte „Vision 2030“ (https://www.vision2030.gov.sa/en). Die Idee dahinter ist, die Wirtschaft des Wüstenstaats vom Öl unabhängiger zu machen und sie stärker zu diversifizieren. Diese Entwicklungen sind also keine Überraschung, sorgen aber dennoch immer wieder für Schlagzeilen und werfen vor allem die Frage auf: Wie groß wird der Einfluss Saudi-Arabiens in der Gaming-Branche in den kommenden Jahren noch werden? Und wieso gibt es immer wieder Kritik an derartigen Investitionen?

PIF und die Savvy Games Group
In diesem Modell ist Gaming nicht nur Unterhaltung, sondern auch Wirtschaftssektor, Soft-Power-Instrument, Technologiefeld und Standortpolitik. Mit der staatlichen „National Gaming and Esports Strategy“ soll Saudi-Arabien bis 2030 zu einem globalen Hub für Games und E-Sport werden. Als zentrales Instru­ment für die „Vision 2030” dient der bereits erwähnte Public Investment Fund. Er gehört zu den größten staatlichen Fonds weltweit und verwaltet ein Vermögen von über 900 Milliarden US-Dollar, das kontinuierlich wächst. Warum ist Gaming für Saudi-Arabien interessant? Weil es sich um einen schnell wachsenden Wirtschaftszweig handelt, der gleich mehrere Sektoren miteinander verknüpft – beispielsweise Technologie, Entertainment oder Events – und damit zugleich Zeitgeist und Popkultur prägt. Die im Jahr 2021 gegründete Savvy Games Group fungiert dabei als ausführende Organisation für die Expansion in Bereichen wie Publishing und E-Sport. Der PIF steht dem in der saudischen Hauptstadt Riad ansässigen Unternehmen dabei finanziell zur Seite. Die Savvy Games Group verfolgt einen breit angelegten Ansatz und investiert nicht nur in einzelne Studios oder Publisher, sondern ist entlang der gesamten Wertschöpfungskette präsent – von der Spieleentwicklung über Publishing und Distribution.

 

Entlang der gesamten Wertschöpfungskette präsent

 

Die Savvy Games Group hat ihr Portfolio zudem auf den Mobile- und E-Sport-Markt ausgeweitet. So akquirierte man beispielsweise 2022 ESL Gaming für rund eine Milliarde US-Dollar und sicherte sich damit einen wichtigen Akteur im E-Sport-Sektor. ESL Gaming wurde mit dem britischen E-Sport-Veranstalter Faceit fusioniert, um die ESL Faceit Group zu bilden. Diese dient als zentrale Struktur innerhalb der E-Sport-Strategie und umfasst sowohl die Event-Organisation als auch die dafür notwendige Infrastruktur. Im Juli 2023 übernahm die Savvy Games Group dann den amerikanischen Mobile-Entwickler und -Publisher Scopely für 4,9 Milliarden US-Dollar. Den Einfluss in diesem Sektor weitete man zuletzt etwa mit den Akquisitionen von Moonton sowie Teilen von Niantic (bekannt für „Pokémon Go“) aus.

Stiller Einfluss durch Minderheitsbeteiligungen
Ein weiterer wichtiger Punkt auf der Agenda ist der Einfluss durch Minderheitsbeteiligungen. So besitzt die Savvy Games Group beispielsweise 8,3 Prozent Firmenanteile an der Embracer Group im Wert von rund einer Milliarde US-Dollar sowie 5,94 Prozent an Take-Two Interactive im Wert von rund drei Milliarden US-Dollar. Ein besonders prominentes Beispiel ist Nintendo: Bereits im Jahr 2022 stieg der saudische Staatsfonds erstmals ein und sicherte sich rund fünf Prozent der Anteile. In den folgenden Monaten wurde die Beteiligung schrittweise ausgebaut, sodass sie 2024 zeitweise auf über acht Prozent anwuchs. Damit avancierte Saudi-Arabien zu einem der größten Einzelaktionäre des japanischen Traditionsunternehmens. Diese Entwicklung rief allerdings auch zahlreiche Kritiker auf den Plan, die eine schleichende Übernahme der Mario-Macher durch Saudi-Arabien befürchteten. Daraufhin verkaufte der PIF Anteile, sodass die Beteiligung nur noch bei 6,3 Prozent lag.

Auch bei Capcom baut Saudi-Arabien seine Position weiter aus. Nachdem der Public Investment Fund 2022 bereits rund fünf Prozent der Anteile erworben hatte, stieg 2026 mit der Electronic Gaming Development Company (EGDC) eine weitere saudische Investmentgesellschaft ein und sicherte sich zusätzliche gut fünf Prozent. Dabei sei das Ziel ausdrücklich keine Einflussnahme auf kreative Entscheidungen, sondern eine klassische Renditebeteiligung am wirtschaftlichen Erfolg des Publishers. Diese Minderheitsbeteiligungen sind aus strategischer Sicht besonders interessant, da sie deutlich weniger Kapital erfordern als vollständige Übernahmen, aber dennoch Zugang zu Netzwerken, Märkten und Entscheidungsprozessen eröffnen. Vor allem aber senden sie klare Signale an die Branche. Saudi-Arabien positioniert sich damit nicht nur als Investor, sondern als dauerhafter Akteur im Zentrum der globalen Games-Industrie.

 

Klare Signale an die Branche

 

Kritik und Zukunftsaussichten
Die wachsende Rolle Saudi-Arabiens – und damit auch die zunehmende Abhängigkeit von dessen Geldern – geht jedoch auch mit Kritik einher. Im Zusammenhang mit Saudi-Arabien wird immer wieder der Begriff „Sportswashing“ ins Feld geführt. Damit ist die Aufbesserung des Images mit Hilfe bekannter Sportveranstaltungen gemeint, wie beispielsweise die Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaft 2034, Formel-1-Rennen, Boxkämpfe oder eben der Esports World Cup. Beim im Sommer 2026 in Riad stattfindenden Esports World Cup (EWC) werden rund 2.000 Spielerinnen und Spieler sowie mehr als 200 Clubs aus über 100 Ländern erwartet. Das Gesamtpreisgeld beträgt 75 Millionen US-Dollar. Bei der Ausrichtung dieser Veranstaltungen präsentiert sich Saudi-Arabien als liberales und weltoffenes Land, hat in puncto Menschenrechte jedoch weiterhin großen Nachholbedarf. So beklagte die Menschenrechtsorganisation Amnesty International etwa im Juli 2025 den hohen Stand an Hinrichtungen. Zum Zeitpunkt der Amnesty-Veröffentlichung waren bereits 180 Menschen exekutiert worden. 66 Prozent davon wurden aufgrund von Drogendelikten verurteilt, was laut Völkerrecht verboten ist.

Menschenrechtsorganisationen kritisieren regelmäßig nicht nur die Todesstrafe, sondern auch die Einschränkung grundlegender Freiheitsrechte. Dazu zählen beispielsweise die eingeschränkte Meinungs- und Pressefreiheit, die strafrechtliche Verfolgung von Regierungskritikern und restriktive Gesetze im Bereich der Versammlungsfreiheit. Ein weiterer wichtiger Aspekt, speziell für die E-Sport-Szene, sind die Rechte der LGBTQ+-Community. Zwar betonte Saudi-Arabien vor der Vergabe der WM-Rechte, dass LGBTQ+-Fans „sicher und willkommen“ seien, doch dies steht im Kontrast zur tatsächlichen Rechtslage vor Ort. Zwar wurden in den vergangenen Jahren einzelne gesellschaftliche Reformen umgesetzt, gleichzeitig bleibt die politische Kontrolle jedoch zentral.

Der Widerstand richtet sich somit nicht nur gegen die wirtschaftlichen Aspekte der Expansion Saudi-Arabiens in den Gaming-Sektor, sondern auch gegen die trotz fortwährender Reformen vertretenen Werte. Akteure wie die Savvy Games Group oder der PIF betonen offiziell, dass es primär um wirtschaftliche Beteiligungen und den Aufbau einer neuen Industrie gehe. Doch selbst ohne direkte Eingriffe stellt sich vielen Beobachtern die Frage, wie neutral ein Markt bleiben kann, in dem ein staatlicher Investor zunehmend zentrale Rollen einnimmt – sei es als Eigentümer, Partner oder Veranstalter. (ob/bpf)

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