Du spielst, wie du isst: Gesunde Ernährung für E-Sport-Profis

Pizza, Chips und Energy Drinks: Das Klischee vom Basement-Zocker mit höchst ungesunder Ernährung hält sich hartnäckig. Und auch wenn etliche Gaming-Sessions tatsächlich noch von Junk-Food flankiert werden, so hat im E-Sport längst ein Sinneswandel eingesetzt: Nur wer sich gesund ernährt, kann digitale Höchstleistungen erzielen. Doch worauf kommt es bei einer gesunden Ernährung für E-SportlerInnen an? Und wie engagieren sich Krankenkassen und Food-Sponsoren bei dem Thema? Darüber haben wir mit einer Reihe von Experten gesprochen.
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© mkvolkova/stock.adobe.com
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Tofu, Glasnudeln, Gemüse, Dip, Minze und Koriander: Sämtliche Zutaten liegen bereit. Und während die veganen Sommerrollen mit den Zutaten gefüllt werden, läuft uns als Youtube-Zuschauern das Wasser im Munde zusammen. Moderator und Food-Journalist Tim Feldner hat E-Sport-Expertin Melek "m3lly" Balgün in seine Studioküche eingeladen: Das Video ist Teil einer Youtube-Serie, in der die beiden – übrigens sehr kurzweilig – Ernährungstipps für kompetitive GamerInnen präsentieren.

Kochen mit m3lly
Produziert wird die Videoserie von der Techniker Krankenkasse, die sich seit den 90er Jahren beim Thema "Gaming" engagiert – und in den letzten Jahren auch verstärkt im E-Sport (vgl. IGM 04/2021). Seit Juni 2019 ist die TK offizieller Gesundheitspartner der größten deutschen E-Sport-Liga, ESL. Im August 2019 kam dann eine Gesundheitspartnerschaft mit der Uniliga hinzu, die E-Sport-Wettbewerbe für Studierende organisiert. Auf ihrer Website gibt die TK zahlreiche Gesundheitstipps für GamerInnen – etwa zur richtigen Sitzhaltung, zu Spielpausen, Entspannungsübungen, mentaler Stärke und eben auch gesunder Ernährung. Moderatorin m3lly führt zu den Themen etliche Interviews – und hat auf Youtube auch ein eigenes Brutzelformat ("Kochen mit m3lly"). "Eine gesunde Ernährung gehört zu den Grundlagen erfolgreicher sportlicher Betätigung", betont Bruno Kollhorst, Leiter Kooperations- und Eventmarketing der TK. "Insofern ist es auch für E-Sportler wichtig, darauf zu achten." Bei den meisten Profi-Teams sei das Thema auch schon angekommen, berichtet Kollhorst. "Es sind zum Teil schon Coaches im Einsatz, die Ernährungspläne für die Talente erstellen und auf Ausgewogenheit achten." Die TK kooperiert als Gesundheitspartner nicht nur mit ESL und Uniliga, sondern auch mit der esports player foundation (epf), die Nachwuchstalente in Deutschland fördert (vgl. IGM 06/2021). Laut Kollhorst werden die TK-Angebote mit E-Sport-Bezug über sämtliche Partner ausgespielt. "Das geschieht coronabedingt im Schwerpunkt durch Content und digitale Aktionen, zum Beispiel Fitness-Übungen in Spielpausen der Uniliga via Twitch oder Discord."

Individueller Ernährungsplan
Perspektivisch arbeite man an weiteren Konzepten, so Kollhorst. "Wer sich insgesamt mit einer gesunden Ernährung auseinandersetzen will, kann das als TK-versicherte Person mit unserem TK-ErnährungsCoaching tun." Das Tool ermöglicht beispielsweise, einen Ernährungsplan zu erstellen, der auf die persönlichen Bedürfnisse und den eigenen Energiebedarf abgestimmt ist. "Im Moment fokussieren wir uns auf Content zu dem Thema", sagt Kollhorst. In den Videos von m3lly und Tim Feldner werden beispielsweise auch Köche von Body Kitchen zugeschaltet. "Das sind Experten, die für das leibliche Wohl der Pros, wie zum Beispiel von SK Gaming, verantwortlich sind", berichtet Kollhorst. "Die Videos laufen auf verschiedenen Plattformen und bei unseren Partnern."

Auch für andere Krankenkassen ist E-Sport-kompatible Kost ein wichtiges Thema. "Wenn E-SportlerInnen eine gute Leistung bringen wollen, spielt die richtige Ernährung eine besondere Rolle", sagt Christian Bock, Bereichsleiter Marke & Marketing bei der Barmer. Konzentrationsfähigkeit, Reaktionsgeschwindigkeit und Ausdauer hingen unter anderem von den Ernährungsgewohnheiten ab, erläutert Bock. "Deshalb achten viele E-SportlerInnen inzwischen sehr auf ihre Ernährung und Fitness." Die Barmer ist Gesundheitspartner der Prime League, in der League of Legends gespielt wird. Um die Zielgruppe mit Ernährungstipps zu versorgen, kooperiert die Krankenkasse unter anderem mit Maurice "Mori" Lange: Der Wahlberliner hat sich vor allem als LoL-Caster einen Namen gemacht, ist aber auch in anderen Kanälen unterwegs. "In seiner Youtube-Serie ‚Mori kocht' gibt es viele Rezepte, die zeigen, wie man schnell und einfach leckere und gesunde Mahlzeiten zubereitet", berichtet Bock. "Wir konzentrieren uns auf gesunde Gerichte, die nicht nur nahrhaft sind, sondern oft auch vegane oder fettarme Alternativen bieten." Mit Moris Bekanntheitsgrad erreiche man geradezu ideal die E-Sport-Community, freut sich Bock. Die Rezepte würden auch auf dem Instagram-Channel der Barmer veröffentlicht: "Interessierte finden hier und auch auf unserer Homepage viele weitere Informationen zu einer abwechslungsreichen Ernährung im Alltag und im Sport."
 

Kohlenhydrate und Elektrolyte während des Wettkampfs

Gesünder als erwartet
Nicht nur TK und Barmer, auch die AOK Rheinland/Hamburg engagiert sich beim Thema "E-Sport-Ernährung". Im Februar stellte sie gemeinsam mit der Deutschen Sporthochschule Köln (DSHS) die "eSport Studie 2021" vor. Schwerpunkt der diesjährigen Studie war, wie gesund (oder ungesund) sich E-Sport-Profis ernähren – um das herauszufinden, befragte das Forschungsteam um DSHS-Professor Ingo Froböse insgesamt 820 E-SportlerInnen aller Leistungsstufen. Fazit der Studie: Die Klientel ernährt sich deutlich gesünder als erwartet. "Der Energydrink gehört zwar tatsächlich für viele dazu", fasst Froböse zusammen. "Doch insgesamt ernähren sich die E-Sportler und E-Sportlerinnen sogar besser als die Allgemeinbevölkerung." So liege der Zuckerkonsum insgesamt deutlich unter Durchschnitt: Softdrinks, Schokolade und andere Süßwaren würden seltener konsumiert. "Auch die Chipstüte bleibt – anders als vermutet – im Supermarktregal liegen", heißt es in der Pressemeldung zur Studie. "Umgerechnet durchschnittlich eine Tafel Schokolade pro Woche und eine Müslischale voll Salzgebäck deuten auf ein gesundheitsbewusstes Essverhalten der Spielerinnen und Sportler hin." Auch Fast Food und Fertigprodukte kämen im Schnitt nur zweimal in der Woche auf den Tisch. Oder anders formuliert: "Das Klischee vom schnellen Pizzastück vor der Konsole scheint also passé."

Als Trend identifiziert die Studie das Selberkochen: Die Hälfte aller Befragten stehe mindestens an mindestens fünf Wochentagen selbst am Herd. Dennoch gibt es aus Sicht der Forschenden Optimierungsbedarf. "Wir sehen bei den E-Sportlerinnen und E-Sportlern dasselbe Problem wie in der Allgemeinbevölkerung", so Froböse. "Es landet nach wie vor zu viel Fleisch und zu wenig Gemüse auf dem Teller."

Vitamine und Mineralstoffe
Wenig Zucker, wenig Chips, aber immer noch zu viel Fleisch: Wer sich die Ergebnisse der Ernährungsstudie im Detail anschauen will, der findet das pdf auch online unter esportwissen.de. Doch was empfehlen eigentlich die Coaches der professionellen E-Sport-Teams? Und wie setzen sie ihre Ernährungspläne in der täglichen Coaching-Arbeit um? Fabian Broich ist Head of Performance bei Excel Esports – und unterstützt als Experte auch die esports player foundation. Für Broich ist eine ausgewogene Ernährung sehr wichtig: "Wenn wir über Performance sprechen, dann muss dort auch die Ernährung abgestimmt sein." Beim E-Sport seien vor allem Vitamine und Mineralstoffe vonnöten, "um den Lifestyle der Spieler zu kompensieren" – und um die Konzentration aufrechtzuerhalten. "Keine Kalorien, keine Energie", fasst Broich zusammen. "Dementsprechend Kohlenhydrate und Elektrolyte während des Wettkampfs".

Zunächst definiert Broich gemeinsam mit den AthletInnen deren Ziele. Darauf aufbauend könne man dann schrittweise die Ernährung anpassen – etwa durch weniger Zuckerkonsum oder durch das Abwiegen der Essensportionen. "Wichtig ist, genügend Flüssigkeit, Vitamine und Ballaststoffe in eine Diät zu integrieren", so Broich. Es gelte, den Konsum natürlicher Zucker zu steigern – und jegliche Zusatzstoffe und künstliche Produkte zu reduzieren. Für die epf erarbeitet Broich übrigens gerade ein Sportkonzept. "Wir haben gemeinsam Sportwissenschaftler eingestellt, die momentan sechsmal die Woche Online- Workouts anbieten – das soll den AthletInnen ermöglichen, wöchentlich an drei Terminen teilzunehmen. "Die nächsten Schritte sind, individuelle Pläne in Einzelgesprächen zu kreieren", berichtet Broich. Außerdem erstelle man Handouts für Aufwärmen, Entspannung oder Lockerung vor oder nach dem Wettkampf.

Auch Gemüse kann schmecken, wenn es richtig zubereitet ist

Auch Mark Warnecke zählt zum Berater-Team der epf. Der frühere Schwimmweltmeister ist heute Arzt, Ernährungsmediziner und Geschäftsführer von Amsport – einem Online-Shop, über den die Mark Warnecke GmbH Nahrung für SportlerInnen verkauft. Eine ausgewogene Ernährung sei "unabkömmlich für den maximal möglichen Erfolg, auch im E-Sport", so Warnecke. Reaktionsleistung, Konzentrationsfähigkeit sowie die mentale und körperliche Ausdauer seien direkt von der Ernährung, ja sogar von der letzten Mahlzeit abhängig. Warnecke gibt ein Beispiel: "Esse ich eine sehr massige, fettreiche Mahlzeit kurz vor einem Spiel, bin ich müde, unkonzentriert und in meiner Leistung sehr eingeschränkt." Der Ex-Weltmeister empfiehlt eine gesunde Mischkost – und vor dem Spiel eine leicht verdauliche Ernährung. "Auch sollte man auf den Flüssigkeitshaushalt achten", betont Warnecke. "Cola und Energy Drinks sind keine empfehlenswerten Bausteine in der Ernährung. Letzteres kann man als Tool einsetzen, wenn alles andere – sprich das Grundsätzliche in der Ernährung – sehr gut ist."

Gewürze helfen
Die Schwimm-Koryphäe hat auch ein paar grundlegende Tipps: "Zunächst einmal sollte man sich Gedanken über die aktuelle Ernährungssituation machen – und dann anfangen, sie zu optimieren. Wichtig ist eine ausgewogene Ernährung … und ja, auch Gemüse kann schmecken, wenn es richtig zubereitet ist. Gewürze helfen ungemein." Wichtig sei auch, nicht unkritisch den neuesten Trends hinterherzulaufen: "Eine vegane Ernährung ist zum Beispiel nicht unbedingt gesund", so Warnecke. "Man muss in der Regel verschiedene Dinge substituieren – und sollte sich dann auch wirklich mit dem Thema beschäftigen und auskennen." Den Nachwuchstalenten der epf will Warnecke eine Anlaufstelle für Ernährungsfragen bieten, speziell zu Wettkampfvorbereitung, Regeneration sowie Ernährung auf Reisen. Das ließe sich bei Bedarf mit einer individuellen Beratung kombinieren. "In Zusammenarbeit mit den anderen Partnern der epf gelingt es uns so, eine ganzheitliche Betreuung der Talente zu gewährleisten – und sie auf dem Weg an die Spitze zu begleiten."

Wer für SK Gaming spielt, hat es als E-Sport-Profi bereits an die Spitze geschafft. Die E-Sport-Organisation mit Hauptsitz in Köln gehört zu den erfolgreichsten Akteuren der Szene (vgl. IGM 11/2020). Seit 2019 kooperiert SK Gaming mit dem bereits erwähnten Hamburger Food- und Medienunternehmen Body Kitchen. Dessen Co-Founder Simon Berg schildert, wie beide Unternehmen zusammenarbeiten: "Im Rahmen unseres Performance Caterings stehen ihnen das ganze Jahr über Köche von Body Kitchen zur Seite. Sie sind direkt vor Ort und bereiten die Mahlzeiten, Smoothies und weitere kulinarische Köstlichkeiten für die Teams zu." Body Kitchen erreicht auf diesem Wege auch die Zielgruppe für sein Produkt "Ready Meals", das sich laut Berg zügig zubereiten lässt. "Wir bieten die Ready Meals in verschiedenen Varianten an: Bean Boom Beef, BBQ Beef Chief, Freaky Fricassee", berichtet der Managing Director. "Die Power Bolo ist unsere vegane Option. Alle Gerichte werden aus Bio-Zutaten hergestellt. Außerdem verzichten wir auf künstliche Zusatzstoffe, Industriezucker und Geschmacksverstärker." Die E-Sport-Community erreiche Body Kitchen auch über Instagram, Facebook und Youtube, so Berg: "Dort geben wir Impulse zu einer gesunden, ausgewogenen Ernährungsweise, klären über unsere Ernährungsphilosophie auf und teilen exklusive Rezepte." Ein weiterer Partner von Body Kitchen ist Euronics Gaming: Die Kochprofis unterstützten die Profi-Gamer während des Prime League Summer Splits 2021.

Fazit: Wer sich gesund ernährt, kann auch im E-Sport bessere Leistungen erzielen. Und auch wenn die Chipstüte auf dem Beistelltisch lauert: Der Griff zur veganen Frühlingsrolle ist in jedem Fall smarter – auch als Hobby-GamerIn. (Achim Fehrenbach)

IGM 11/21
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